Wenn Lilly rollig ist – leidet eine Katze wirklich darunter?

Lilly ist inzwischen 15 Monate alt und gerade zum zweiten Mal rollig. Dabei zeigt sie sehr deutlich die typischen Verhaltensweisen einer rolligen Katze. Doch eine Frage hat uns besonders beschäftigt:

Leidet eine Katze während der Rolligkeit tatsächlich unter starken Schmerzen – oder interpretieren wir Menschen ihre ungewöhnlichen Lautäußerungen manchmal falsch?

Unsere Katze Lilly ist inzwischen 15 Monate alt und gerade zum zweiten Mal rollig. Beim ersten Mal dauerte diese Phase etwa vier Tage. Diesmal sind es bereits sechs Tage.

Dass Lilly rollig ist, daran besteht für uns kein Zweifel. Ihr Verhalten entspricht ziemlich genau dem, was für eine rollige Katze beschrieben wird. Sie sucht verstärkt unsere Nähe, lässt sich hochnehmen und streicheln, rollt sich immer wieder auf dem Boden und gibt sehr spezielle, teilweise langgezogene Laute von sich.

Wir haben ihr inzwischen sogar ein Handtuch hingelegt, das sie während dieser Phasen intensiv zum Rollen und Reiben benutzt.

Gleichzeitig erleben wir aber noch eine ganz andere Lilly.

Sie frisst normal. Sie schläft gut. Sie bewegt sich völlig normal. Sie spielt und balanciert sogar weiterhin über ihr etwa vier Zentimeter starkes Seil.

Und genau daraus entstand für uns eine Frage:

Leidet eine Katze während der Rolligkeit tatsächlich unter starken Schmerzen, wie es immer wieder behauptet wird?


Klingt Jammern automatisch nach Schmerz?

Wer eine rollige Katze zum ersten Mal hört, kann durchaus erschrecken.

Die Lautäußerungen unterscheiden sich deutlich vom normalen Miauen. Manche Katzen rufen sehr laut und langgezogen. Für menschliche Ohren kann das wie Jammern, Klagen oder sogar ein Schmerzensschrei klingen.

Doch genau hier liegt eine Gefahr: Wir interpretieren die Ausdrucksweise einer Katze mit unseren menschlichen Maßstäben.

Die tiermedizinischen Beschreibungen der Rolligkeit führen gerade diese Lautäußerungen als typisches Fortpflanzungsverhalten auf. Dazu gehören unter anderem:

  • auffälliges und wiederholtes Rufen,
  • verstärktes Reiben an Menschen und Gegenständen,
  • Rollen auf dem Boden,
  • Unruhe,
  • Treten mit den Hinterbeinen,
  • Anheben des Hinterteils,
  • seitliches Weglegen des Schwanzes und
  • ein teilweise stark gesteigertes Nähebedürfnis.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man jede Lautäußerung einer Katze ignorieren sollte.

Aber allein aus dem besonderen Klang der Stimme zu schließen, eine rollige Katze habe starke Schmerzen, ist zu kurz gegriffen.

Entscheidend ist vielmehr das gesamte Verhalten der Katze.


Lilly verhält sich nicht wie eine Katze mit starken Schmerzen

Genau dieser Gesamtblick ist für uns bei Lilly wichtig.

Während ihrer Rolligkeit gibt es ausgeprägte Phasen, in denen sie ruft, sich auf ihrem Handtuch rollt und intensiv unsere Nähe sucht.

Danach schläft sie wieder.

Sie frisst.

Sie läuft.

Sie spielt.

Sie balanciert auf ihrem Seil.

Ihr Bewegungsablauf ist normal.

Das passt nur schwer zu der Vorstellung, sie würde während dieser gesamten Zeit unter starken körperlichen Schmerzen leiden.

Rolligkeit ist zunächst einmal keine Krankheit, sondern ein normaler Abschnitt im Fortpflanzungszyklus einer geschlechtsreifen Katze.

Was allerdings sehr deutlich vorhanden ist, ist ein starker hormonell gesteuerter innerer Antrieb.


Was passiert während der Rolligkeit?

Während der Rolligkeit reifen in den Eierstöcken sogenannte Follikel heran. Gleichzeitig steigt insbesondere der Einfluss des Hormons Östrogen.

Dadurch verändert sich das Verhalten der Katze deutlich.

Ihr Organismus stellt sich auf Fortpflanzung ein.

Die Katze wird paarungsbereit und beginnt mit Verhaltensweisen, die unter natürlichen Bedingungen auch dazu dienen, einen Kater auf sich aufmerksam zu machen.

Das auffällige Rufen ist deshalb weniger mit einem menschlichen Klagen zu vergleichen als vielmehr mit einem biologischen Signal.

Auch das Rollen, Reiben und die typische Körperhaltung gehören zu diesem Fortpflanzungsverhalten.

Bei Lilly können wir diese Veränderungen sehr deutlich beobachten.


Hat eine rollige Katze also gar kein unangenehmes Gefühl?

Ganz so einfach sollte man es ebenfalls nicht formulieren.

Wir können eine Katze schließlich nicht fragen, wie sie ihre Rolligkeit subjektiv empfindet.

Der starke hormonelle Antrieb kann durchaus Unruhe, erhöhte Erregung oder möglicherweise auch Frustration verursachen, insbesondere wenn keine Paarung erfolgt.

Das ist jedoch etwas anderes als die Aussage:

„Die Katze hat starke Schmerzen.“

Für einen tatsächlichen Schmerzzustand würden wir zusätzlich andere Veränderungen erwarten.

Eine Katze mit erheblichen Schmerzen könnte beispielsweise ihre Bewegungen einschränken, sich zurückziehen, weniger fressen, ungewöhnliche Körperhaltungen einnehmen oder deutlich weniger aktiv sein.

Bei Lilly sehen wir gerade das Gegenteil: Zwischen den typischen Rolligkeitsphasen verhält sie sich weitgehend wie immer.


Warum sucht Lilly gerade jetzt unsere Nähe?

Interessant ist für uns auch, dass Lilly während ihrer Rolligkeit besonders häufig unsere Nähe sucht.

Sie lässt sich hochnehmen, möchte gestreichelt werden und scheint durch unseren Kontakt teilweise ruhiger zu werden.

Auch verstärkte Anhänglichkeit und Reiben gehören zum typischen Verhalten während des Östrus.

Ob man deshalb von „Trösten“ sprechen möchte, ist letztlich eine Frage der Wortwahl.

Wir empfinden es durchaus so.

Wir können ihr den hormonellen Fortpflanzungstrieb natürlich nicht nehmen. Aber offenbar sind unsere Nähe, unsere Stimmen und der vertraute Körperkontakt für sie angenehm.

Und wenn Lilly diese Nähe selbst sucht, bekommt sie sie selbstverständlich auch.


Hat eine rollige Katze „Liebeskummer“?

Auch diese Beschreibung findet man gelegentlich.

Sie klingt zunächst sympathischer als die Behauptung von starken Schmerzen, ist biologisch aber ebenfalls nicht wirklich zutreffend.

Lilly vermisst keinen bestimmten Kater, zu dem sie eine romantische Beziehung aufgebaut hätte.

Was sie erlebt, ist ein hormonell gesteuerter Fortpflanzungstrieb.

Der Organismus signalisiert:

Jetzt wäre der Zeitpunkt für eine Paarung.

Deshalb erscheint uns weder „starke Schmerzen“ noch „Liebeskummer“ als wirklich passende Beschreibung.

Wahrscheinlich kommt man der Realität näher, wenn man von starker hormoneller Aktivierung und Paarungsbereitschaft spricht.


Eine Besonderheit der Katze: Der Eisprung wird normalerweise durch die Paarung ausgelöst

Bei unserer Beschäftigung mit dem Thema haben wir noch etwas gelernt, das wir vorher nicht wussten.

Die Katze gehört zu den sogenannten induzierten Ovulatoren.

Das bedeutet: Der Eisprung erfolgt normalerweise nicht einfach automatisch während jedes Zyklus.

Bei einer Paarung entstehen mechanische Reize, die über das Nervensystem eine hormonelle Reaktion auslösen. Dabei wird unter anderem luteinisierendes Hormon – kurz LH – ausgeschüttet. Dadurch kann schließlich der Eisprung ausgelöst werden.

Die Paarung selbst ist also normalerweise ein wesentlicher Auslöser für die Ovulation.

Wird eine Katze während ihrer Rolligkeit nicht gedeckt, findet häufig kein Eisprung statt.

Die Follikel bilden sich wieder zurück, die Rolligkeit endet und nach einer Pause kann ein neuer Zyklus beginnen.

Das erklärt auch, weshalb eine unkastrierte Katze, die nicht gedeckt wird, immer wieder rollig werden kann.


Wie lange dauert eine Rolligkeit?

Auch hier gibt es keine feste Anzahl von Tagen.

In tiermedizinischen Quellen wird für die eigentliche Rolligkeit eine recht große Spannbreite angegeben. Häufig dauert sie ungefähr eine Woche, möglich sind aber deutlich kürzere oder längere Phasen.

Bei Lilly dauerte die erste Rolligkeit ungefähr vier Tage.

Ihre zweite Rolligkeit befindet sich momentan am sechsten Tag.

Beides liegt im normalen Bereich.

Wir beginnen deshalb, diese Zeiten aufzuschreiben. Nach mehreren Zyklen lässt sich vielleicht erkennen, welchen ganz individuellen Rhythmus Lilly entwickelt.


Katzen sind saisonal fortpflanzungsaktiv

Auch die Tageslänge spielt bei Katzen eine Rolle.

Unter natürlichen Lichtbedingungen liegt die Fortpflanzungssaison in unseren Breiten überwiegend vom späteren Winter beziehungsweise Frühjahr bis in den Herbst.

Künstliches Licht in Wohnungen kann diesen saisonalen Rhythmus allerdings verändern.

Deshalb können Wohnungskatzen teilweise auch zu anderen Jahreszeiten rollig werden oder über einen längeren Zeitraum hinweg Zyklen zeigen.


Wann wäre das Verhalten nicht mehr einfach mit Rolligkeit zu erklären?

So interessant die normale Rolligkeit ist: Nicht jedes ungewöhnliche Verhalten einer unkastrierten Katze sollte automatisch darauf geschoben werden.

Aufmerksam würden wir beispielsweise werden bei:

  • deutlicher Mattigkeit,
  • Futterverweigerung,
  • ungewöhnlichem oder verstärktem Durst,
  • Erbrechen,
  • einem empfindlichen oder vergrößerten Bauch,
  • ungewöhnlichem vaginalem Ausfluss,
  • Fieber,
  • deutlichen Problemen beim Laufen oder Springen oder
  • einem Verhalten, das sich klar von Lillys sonstigen Rolligkeitsphasen unterscheidet.

Dann wäre eine tierärztliche Untersuchung sinnvoll.

Gerade deshalb finden wir es hilfreich, Lilly während ihrer normalen Rolligkeit genau kennenzulernen.

Je besser wir wissen, was für Lilly normal ist, desto eher könnten wir auch erkennen, wenn tatsächlich etwas nicht stimmt.


Und die Kastration?

Bei Diskussionen über Rolligkeit folgt häufig sehr schnell die Aussage:

„Dann muss die Katze eben kastriert werden.“

Für uns ist das eine eigene Frage.

Wir wollen Lilly derzeit nicht kastrieren.

Sie geht ausschließlich kontrolliert mit uns nach draußen, sodass wir eine unbeabsichtigte Paarung verhindern können. Außerdem möchten wir uns die Möglichkeit offenhalten, dass Lilly später einmal geplant Junge bekommt. Wenn wir uns dafür entscheiden, soll das frühestens ab Beginn ihres dritten Lebensjahres geschehen.

Deshalb akzeptieren wir ihre natürlichen hormonellen Zyklen.

Das bedeutet nicht, dass eine Kastration grundsätzlich falsch wäre. Es gibt medizinische und praktische Gründe, die dafür sprechen können.

Aber eine solche Entscheidung sollte unserer Meinung nach nicht allein auf der Behauptung beruhen:

„Eine rollige Katze schreit vor Schmerzen und muss deshalb dringend kastriert werden.“

Genau dafür haben wir bei unserer Beschäftigung mit dem Thema keine Grundlage gefunden.

Die typischen Lautäußerungen, das Rollen, Reiben und die veränderte Körperhaltung werden in der tiermedizinischen Literatur vielmehr ausdrücklich als charakteristische Verhaltensweisen des Östrus beschrieben.


Unser Fazit nach Lillys zweiter Rolligkeit

Wir beobachten derzeit eine Katze mit einem sehr starken hormonellen Fortpflanzungsverhalten.

Manchmal klingt Lillys Stimme dabei für menschliche Ohren tatsächlich fast klagend.

Doch wenn wir nicht nur diesen einzelnen Ton betrachten, sondern Lilly als Ganzes, sehen wir eine Katze, die frisst, schläft, spielt, balanciert und ihre Umgebung interessiert wahrnimmt.

Und wir sehen eine Katze, die während dieser besonderen Tage noch häufiger unsere Nähe sucht.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis:

Wir sollten tierisches Verhalten nicht vorschnell mit menschlichen Gefühlen oder menschlicher Schmerzwahrnehmung übersetzen.

Lilly „jammert“ nicht zwangsläufig, nur weil es für uns danach klingt.

Sie kommuniziert.

Und momentan erzählt uns ihr Körper ziemlich deutlich:

Ich bin rollig.


Quellen und weiterführende Informationen

Dieser Artikel verbindet unsere eigenen Beobachtungen an Lilly mit Informationen aus tiermedizinischen Fachquellen. Für die biologischen und medizinischen Zusammenhänge haben wir insbesondere folgende Quellen herangezogen:

Merck Veterinary Manual – Breeding Management of Queens

Informationen zum Fortpflanzungszyklus der Katze, zu typischen Verhaltensweisen während des Östrus sowie zur durch die Paarung ausgelösten Ovulation.

Merck Veterinary Manual – Breeding Management of Queens

Merck Veterinary Manual – Reproductive Management of the Female Small Animal

Weiterführende Informationen zu Zyklus, Rolligkeit, Fortpflanzung und hormonellen Abläufen bei Katzen.

Merck Veterinary Manual – Reproductive Management of the Female Small Animal

VCA Animal Hospitals – Estrus Cycles in Cats

Übersicht zu typischen Anzeichen einer rolligen Katze, darunter verstärkte Anhänglichkeit, Reiben, Rollen und auffällige Lautäußerungen.

VCA Animal Hospitals – Estrus Cycles in Cats

Hinweis: Die genannten Quellen ersetzen selbstverständlich keine tierärztliche Untersuchung, wenn eine Katze Krankheitszeichen oder ein für sie ungewöhnliches Verhalten zeigt.


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